Strafen im Hundetraining

Artikelserie „Strafen“ Teil 6 „Was empfindet der Hund als Strafe?“

Strafen

Im vorletzten Teil unserer kleinen Reihe über das Thema „Strafen“ verlassen wir den Pfad der Lerntheorie.
Bisher haben wir über Strafen gesprochen, die bewusst eingesetzt werden, um ein unerwünschtes Verhalten zu minimieren bzw. ganz weg zu bekommen.

Es gibt aber auch eine Reihe von Verhaltensweisen, die wir zeigen und die unser Hund als unangenehm bis strafend empfindet.

Im weiteren Verlauf des Textes werde ich der Einfachheit halber von „Strafe“ sprechen. Dies ist dann im umgangssprachlichen Zusammenhang zu sehen.

Woran erkennen wir, dass das, was wir zum Beispiel sogar als Belohnung meinen, beim Hund als Strafe ankommt?
Zunächst einmal kann es sein, dass unser Hund Meideverhalten zeigt. Das Thema Körpersprache wird noch gesondert hier auf unserer Seite behandelt, aber Angst oder Meideverhalten sollte jeder Hundebesitzer zu mindestens im Ansatz erkennen.

Das kann von einem leichten Verlagern des Körperschwerpunktes von uns weg, bis hin zum Weglaufen die ganze Palette des Meidens beinhalten.

Manchmal wundern wir uns auch, dass ein Signal auf einmal so gar nicht mehr klappt, obwohl wir es positiv aufgebaut haben und es bisher einwandfrei funktionierte.

Oder der Aufbau an sich will einfach nicht vorwärtsgehen. Wir trainieren und „belohnen“ uns einen Wolf, aber trotzdem, irgendwie will es einfach nicht gelingen.

Welche Verhaltensweisen unsererseits können das ein?

Es gibt ein paar Dinge, die man grundsätzlich nicht machen sollte, weil es einfach auf „hündisch“ unhöflich ist oder eine Bedrohung darstellt.

Dazu gehören so Dinge, wie dem Hund über den Kopf streicheln oder noch schlimmer, auf seinen Kopf zu tätscheln.

Oder, was das noch steigert, sich vor den Hund stellen, über ihn beugen, seinen Kopf zwischen unsere Hände nehmen und liebevoll mit unserem Gesicht ganz dicht an seines heran gehen oder ihm gar einen Kuss auf die Stirn zu drücken. Einfach, weil wir ihn furchtbar liebhaben und das zum Ausdruck bringen möchten.

Auch das über den Hund beugen, egal, ob von vorne oder seitlich, wird von den meisten Hunden als Bedrohung wahrgenommen.

Frontal zum Hund stehen und ihm am besten noch in die Augen schauen, ist in der Hundesprache ein no-go!
Dazu fällt mir ein schönes Beispiel ein.

Diejenigen, die mit ihrem Hund in den Hundesportverein oder in eine Hundeschule gehen, kennen sicherlich die Übung „Sitz bleib“ mit anschließendem abholen des Hundes.

Dazu bringen wir unseren Hund ins Sitz, entfernen uns ein paar Meter, drehen uns zum Hund um, warten einen Moment. Gehen dann wieder zum Hund zurück, umkreisen diesen, bis wir wieder in der Fuß-Position neben unserem Hund stehen. Soviel zur Theorie.

In der Praxis sieht es zu Beginn doch so aus, unser Hund bleibt brav sitzen während wir uns entfernen, auch noch, wenn wir uns zu ihm umdrehen. Aber, sobald wir ihn abholen wollen, legt er sich hin.

Es ist zum Verzweifeln!

Dabei ist die Lösung so einfach! Achten wir doch mal auf uns selber:

Wir gehen frontal auf unseren Hund zu, am besten noch in einer sehr aufrechten Haltung, man soll ja Sicherheit ausstrahlen. Und damit wir auch ja sofort reagieren können, behalten wir unseren Hund gut im Auge! Was passiert? Er legt sich schon wieder hin!

Wenden wir unseren Körper aber ein klein wenig zur Seite, lassen die Schultern ein wenig hängen, schauen den Hund nicht direkt an, sondern an ihm vorbei, bleibt er brav sitzen!

Was ist passiert?

Durch unsere auf den Hund ausgerichtete, aufrechte, starre Körperhaltung und den starren Blick auf unseren Hund stellen wir eine Bedrohung für ihn dar! Auf Gut „Hund“ heißt unsere gesamte Körpersprache „mach dich weg!“ Da unser Hund aber schon soweit „Mensch“ gelernt hat, dass er weiß, so ernst meinen wir das dann auch wieder nicht, es ihm trotzdem sehr, sehr unangenehm ist, wendet er eine Beschwichtigungsgeste an: das Hinlegen!

Also eigentlich können wir sehr stolz auf unseren Hund sein! Zum einen ist er schlau genug, die Fremdsprache „Mensch“ bereits zu einem großen Teil zu kennen und zum anderen erteilt er uns gerade eine Lehrstunde vom Feinsten in Sachen „Hündisch für Anfänger“.

Ein weiteres Beispiel ist der Rückruf. Wir rufen unseren Hund, er guckt uns auch an, kommt vielleicht sogar in unsere Richtung aber je näher er kommt, wenn überhaupt, desto zögerlicher wird er.

Hier ist es genau das Gleiche, wie im oben genannten Beispiel. Meistens stehen wir frontal zum Hund und gucken ihn mit Argusaugen an, ob er jetzt auch wirklich kommt!

Auch hier gilt: leicht seitliche Ausrichtung, den Hund nicht direkt anschauen, es reicht ein leichtes über ihn hinwegschauen, und nach ein paarmal üben klappt der, natürlich gut und kleinschrittig aufgebaute, Rückruf und unser Hund kommt zügig und freudig zu uns!

Fazit: wenn ein Signal ständig nicht zuverlässig klappt, überdenken wir zunächst einmal unsere eigene Körperhaltung! Das kann schon der Dreh- und Angelpunkt sein.

Achtsam sein! Achtsam in unserer eigenen Körperhaltung.

 

Des Weiteren gibt es Strafen, die nicht für alle Hunde gelten.

Der eine Hund liebt es, wenn wir bestimmte Körperteile streicheln oder massieren. Die Ohren gehören dazu, die Pfoten, der Nasenrücken, um nur einige prägnante zu nennen. Für andere Hunde ist es ein Gräuel, wenn wir an ihre Ohren gehen.

Oft ist es auch, dass wir unseren Hund nach der korrekten Ausführung eines Signales durch streicheln oder klopfen „belohnen“. Wir meinen es wirklich gut und sind der felsenfesten Überzeugung, unserem Hund etwas Gutes getan zu haben! Doch manchmal ist dieser Körperkontakt einfach unangebracht!
Unser Hund ist so konzentriert im Arbeitsmodus, dass er die Berührung einfach als unangenehm und störend empfindet. Wir kennen es doch von uns selber. Abends auf der Couch, kuscheln wir uns gerne an unseren Partner. Aber, wenn wir mit etwas beschäftigt sind, ist eine Umarmung nicht immer willkommen!

Ausrüstung zählt auch dazu. Wir müssen uns Gedanken machen, warum der Hund es hasst, die Pfoten abgeputzt zu bekommen. Oder warum er das Bürsten nicht mag. Und dürfen nicht nach dem Motto gehen „Das muss jetzt aber mal sein“.

Auch hier habe ich ein Beispiel: meine jüngste Hündin konnte es nicht ertragen, wenn ich ihr das Geschirr anlegen wollte. Und es ging tatsächlich nur um das Anlegen des Geschirres. Sobald es einmal am Hund war, konnte ich sie anleinen, den Geschirrgriff aufbauen, sie ist toll an der Leine gegangen. Alles kein Problem! Das fing schon im Welpenalter an. Obwohl ich es ganz, ganz kleinschrittig aufgebaut und positiv belegt habe. Sobald ich das Teil in der Hand hatte, ergriff sie die Flucht! Was hab ich alles probiert, ihr es angenehm zu machen! Ich habe darauf geachtet, mich nicht über sie zu beugen. Ich bin immer seitlich an sie rangegangen. Habe die Hand zwischen der Schnalle und ihrem Fell gehalten, um ja kein Haar einzuklemmen. Habe ganz bewusst darauf geachtet, nicht auszuatmen, wenn ich dicht an ihren Ohren war. Die Größen verstellt. Auch verschiedene Geschirre haben wir ausprobiert. Nichts hat geholfen! Und das Erstaunliche war, wenn ich sie dann doch überzeugen konnte, dass wir das Geschirr zum Gassi brauchen, hat sie brav ihren Kopf durchgesteckt. Aber immer mit angelegten Ohren.

Ich weiß bis heute nicht, was sie gestört hat, aber in der Zwischenzeit hat sie ein recht schmales, selbstgeknotetes Geschirr. Es ist zwar immer noch nicht ihr liebstes Hobby, das anzuziehen, aber sie läuft nicht mehr weg und auch der Gesichtsausdruck ist um einiges entspannter geworden.

Achtsam sein! Achtsam auf das Wohlbefinden unserer Hunde.

 

Es gibt aber auch Strafen, die wir im täglichen Leben anwenden, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

Die Hausfrau will den Hausputz machen und ständig liegt der Hund genau dort, wo gerade gekehrt werden soll. Wie schnell passiert es dabei, dass man den Hund dann zur Seite schiebt oder genervt auf seinen Platz schickt?

Der Mann will am Samstag das Laub zusammenrechen. Der Hund empfindet das als großen Spaß und will „mithelfen“. Da kann es auch schon mal passieren, dass der Hund mit dem Laubbesen touchiert wird.

Oder, wir wollen in die Küche gehen und Fiffy liegt mitten in der Tür und relaxt. Dann steigen wir eben über ihn hinweg.

Was spricht dagegen, bevor wir mit dem Hausputz beginnen, den Hund mit einem Kauartikel auf seinen Platz zu begleiten?

Das Gleiche gilt, für die Gartenarbeit. Ein nettes Spielzeug, mit dem er sich gerne und alleine beschäftigen kann, auf einem Schattenplatz und Hund und Halter sind mit ihren Arbeiten beschäftigt und können im Anschluss gemeinsam das Laub wieder fröhlich auseinander toben!

Über einen ruhenden Hund hinweg zu steigen kann ein unfallträchtiges Unterfangen sein: es ist für Hunde eine sehr unangenehme Sache, wenn man einfach über sie drübersteigt (zu Recht, ich fände das auch nicht toll!). Wie schnell ist es passiert, dass der Hund dann im letzten Moment aufspringt und wir über ihn fallen?

Ebenfalls in diese Rubrik gehören vermeintlich gut gemeinte Lautäußerungen von uns.

Unser Hund hat sich vor irgendetwas erschreckt. Wie schnell passiert es da, dass wir ihn mit einem „pscht!“ beruhigen wollen? Vergessen dabei aber, dass dieses Geräusch den Hund erst Recht erschrecken kann! Es ist ein Zischgräusch das in der hündischen Kommunikation nicht vorkommt, der Hund also gar nicht weiß, was es zu bedeuten hat. Und, das wissen die Meisten gar nicht, das Zischen ist ein angeborener Angstauslöser! Es ist also im Urinstink des Hundes verankert, dass Zischen Gefahr bedeutet! Das heißt im Umkehrschluss, auf sein Erschrecken setzen wir noch einen oben drauf, indem wir ihn noch zusätzlich erschrecken und mit Lautäußerungen aufwarten, die in seinem Repertoire gar nicht verankert sind, bzw. sogar Angst auslösen!

Ein impulsiv ausgesprochenes „NA!“ kann man schon fast den Schreckreizen zuordnen, obwohl es ja eigentlich gut gemeint war und man den Hund eben nicht schimpfen möchte.

Achtsam sein! Achtsam im Umgang mit unseren Hunden.

 

Wenn ich große Flächen kehre, hatten meine Hunde die Angewohnheit, immer vor mir her zu laufen. Also genau dort, wo ich gerade kehren wollte. Jedes Mal habe ich sie freundlich aufgefordert, „geht mal zur Seite!“ Sind sie auch! Bis zur nächsten Kehrbewegung! Das ging dann immer soweit, bis ich sie genervt auf ihren Platz geschickt habe. Mit den Worten “Boah, ihr seid so blöd! Irgendwann müsst ihr es doch mal gelernt haben!“ Die Blicke von denen hätten mich eigentlich tot umfallen lassen müssen!

Aber blöd waren nicht meine Hunde! ICH war blöd! Was habe ich den Hunden denn vermittelt, als ich ihnen sagte „geht mal zur Seite“ Nichts! Außer, dass ich dabei immer genervter wurde. Irgendwann kam ich dann auch selber dahinter, dass ich meine Hunde im Grunde dafür bestraft habe, dass ich nicht in der Lage war, ihnen eindeutige Signale zu geben, was ich von ihnen möchte, nämlich hinter mir zu bleiben!
Wir haben dann das Signal „hinter“ aufgebaut und schon laufen sie fröhlich hinter mir her, während ich den Besen schwinge!

Und das Tolle an der Sache ist, dieses Signal gebrauche ich in der Zwischenzeit auch sehr oft auf unseren Spaziergängen! Wenn wir an eine Kreuzung oder Kurve kommen, die ich nicht einsehen kann, hole ich sie hinter mich und wir können ohne viel Aufwand solche Engstellen meistern!

Achtsam sein! Achtsam in der Kommunikation mit unseren Hunden!

 

Dann gibt es noch die unbewussten, unbeabsichtigten Strafen beim täglichen Gassi.

Wie oft sind wir in Gedanken nicht bei unserem Hund, ja noch nicht einmal wirklich auf dem Weg? Da passiert es ganz schnell, dass unser Hund uns vor die Füße läuft und wir ihm versehentlich in die Hacken treten.

Oder die Leine schleift auf dem Boden, wir treten drauf und der Hund bekommt einen schmerzhaften Ruck am Geschirr oder, noch schlimmer, am Halsband.

Ganz schnell geschieht es auch, dass unser Hund an einer tollen Schnüffelstelle stehen bleibt, wir das nicht mitbekommen, weitergehen und ihn heftig hinterher zerren.

Es muss auch nicht immer Unachtsamkeit von uns sein. Wir gehen auf eine Straße zu. Wir wissen, dass wir dort stehen bleiben müssen, um den Verkehr abzuwarten. Aber unser Hund nicht. Also bleiben wir abrupt stehen und der Hund rennt in die Leine!

Was spricht dagegen, vorher etwas langsamer zu werden? Dem Hund vielleicht noch zu sagen, da kommt eine Straße. Ein Stop-Signal ist relativ schnell aufgebaut. Ich spreche jetzt nicht von einem Signal, dass den Hund im Freilauf auf 100 Meter Entfernung in Erstarrung verfallen lässt, aber ein einfacher Hinweis „Stop! Straße!“ vermittelt dem Hund doch ganz schnell, dass wir jetzt gleich stehen bleiben werden.

Und Richtungswechsel fallen mir in diesem Zusammenhang noch ein. Wir wollen rechts in den Weg einbiegen, unser Hund läuft aber an langer Leine vor uns her. Er bekommt es gar nicht mit, dass wir rechts einbiegen. Und schon rennt er in die Leine und wird auch noch nach rechts mitgezogen. Die Blicke anderer Passanten sind Goldwert, wenn wir das Signal „Rechts“ geben und unser Hund biegt rechts ab!!!

Achtsam sein! Achtsam unterwegs im Hier und Jetzt!

 

Zusammengefasst können wir sagen, nicht alles, was wir mit unseren Hunden tun und erleben ist im lerntheoretischen Sinne eine Strafe, aber unsere Hunde empfinden es als solche!

Denn, was eine Strafe ist, bestimmt immer der Hund!

 

 

 

Unter folgenden Links könnt ihr Fragen stellen, euch informieren und weiterlesen:

Ihr trainiert bereits mit positiver Verstärkung und habt Fragen oder wünscht den Austausch mit Gleichgesinnten? Dann kommt in die Facebook Gruppe „Training für Mensch und Hund“:

https://www.facebook.com/groups/720463771417485/

 

Ihr seid neugierig geworden, wisst aber nicht genau, wie ihr es anstellen sollt? Ihr habt Angst, etwas falsch zu machen? Seid euch unsicher, den gewohnten Weg zu verlassen? In der Facebook Gruppe „Perspektivwechsel“ könnt ihr eure Fragen stellen und euch vom positiven Weg anstecken lassen:

https://www.facebook.com/groups/perspektivwechselhund/

 

Das Thema Körpersprache des Hundes interessiert euch? Die Hunde Locke, Friedolin und Elli geben Auskunft:

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